Montag, 15. April 2013

Wertschätzende Kommunikation ohne Handy in der Nähe

Eine Studie belegt, dass bereits die bloße Nähe eines nicht benutzten Handys persönliche Gespräche deutlich beeinträchtigen kann. Wie erreicht man mehr Wertschätzung und Vertrauen in Gesprächen?

Gute Gespräche erfordern eine Vertrauensbasis

Gespräche beinhalten nicht nur Sachinformationen und Absichten bzw. Wünsche. Die Sprechenden senden auch (nonverbale) Informationen über sich bzw. ihre Beziehung zum Gesprächspartner. Es ist sogar möglich, selbst unerfreuliche Inhalte klar zu kommunizieren und gleichzeitig wertschätzend mit der Person umzugehen.
Das „richtige“ Führen von Gesprächen wird oft in Rollenspielen trainiert. Für die Herstellung einer tragfähigen Beziehung zwischen den Gesprächspartnern (!) spielen – neben der sorgfältigen inhaltlichen Vorbereitung – u.a. bereits die Wahl der richtigen Sitzposition (möglichst nicht frontal) und die Vermeidung von Störungen (u.a. Abschalten des Handys) eine Rolle. Im Training werden solche Aspekte wegen ihrer scheinbaren Trivialität oft belächelt und im beruflichen Alltag vergessen. Nun gibt eine wissenschaftliche Studie Anlass, solche Themen noch ernster zu nehmen.

Studie zeigt Beeinträchtigungen auf

Andrew K. Przybylski und Netta Weinstein vom Department of Psychology der University of Essex führten im Rahmen ihrer Studie über die Einflüsse von Mobiltelefonen auf Gesprächssituationen zwei wissenschaftliche Experimente durch. Nach einer 10minütigen Unterhaltung in einem Raum nahmen die Gesprächspartner jeweils anhand eines Fragebogens eine Bewertung des Gesprächs (Beziehungsqualität, gefühltes Vertrauen, Empathiefähigkeit des Gegenübers) vor.
Im ersten Experiment wurde zunächst die Wirkung eines außerhalb des direkten Sichtfeldes lediglich auf dem Tisch liegenden Handys untersucht. Zum Vergleich wurde in der Kontrollgruppe das Handy gegen ein Notizbuch ausgetauscht. In den Gesprächen mit dem auf dem Tisch liegenden Handy wurden die Nähe und die Qualität der Gesprächsbeziehung geringer eingestuft. 
In einem zweiten Experiment wurde untersucht, welche Auswirkungen das Gesprächsthema hat. Bei belanglosen Themen gab es selbst bei vorhandenem Handy kaum abweichende Einschätzungen hinsichtlich Beziehungsqualität und Vertrauen in bzw. Empathie des Gesprächspartners. Sprachen die Testpersonen jedoch über für sie persönlich bedeutende Themen, verschlechterten sich die Einschätzungen bei vorhandenem Handy deutlich. Diese Effekte traten unbewusst auf, wurden also nicht auf das bloße Vorhandensein des Handys zurückgeführt.

Angemessenerer Umgang bzw. bessere Gespräche

Das Ergebnis der Studie erscheint zunächst paradox: Einerseits stellt ein Handy generell Erreichbarkeit und dadurch eine gewisse Nähe sicher. Andererseits beeinträchtigt bereits ein auf dem Tisch liegendes Mobiltelefon insbesondere bei wichtigen Gesprächsthemen unbewusst das Gespräch. Das Handy signalisiert nicht nur mögliche Störungen durch eingehende Anrufe, sondern auch eine geringere Aufmerksamkeit bzw. Wertschätzung, die dem Gegenüber entgegengebracht wird.

Gewiss haben wissenschaftliche Studien mögliche Grenzen – etwa hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit. Beleuchten wir dennoch Gesprächssituationen im beruflichen Kontext. Generell besteht auch hier der Wunsch insbesondere nach mehr Anerkennung bzw. Wertschätzung. Dies belegt aktuell neben einer weltweit durchgeführten DDI-Studie zum erlebten Führungsverhalten (danach fühlen sich rund 40% der Befragten durch ihren Chef verletzt und demotiviert) eine StepStone-Umfrage zur Thematik Anerkennung (danach wünschen sich 56% der befragten deutschen Fach- und Führungskräfte mehr Anerkennung von ihrem Chef).
Selbst die meist sogar in ihrer Freizeit erreichbaren Führungskräfte wünschen sich nach einer aktuellen Umfrage des Berufsverbandes Die Führungskräfte mehr Achtsamkeit im Umgang mit dem Handy. Tatsächlich kann das gezielte Abschalten für eine „stille Stunde“ nach einem aktuellen FAZ-Artikel produktiveres Arbeiten bewirken – den ganzen Tag.
Die bei Führungskräften verbreitete (und als unhöflich empfundene) Verwendung von Handy & Co. während Gesprächen kann dadurch erklärt werden, dass dies unbedacht geschieht. Schließlich stehen Führungskräfte meist unter enormen Druck (ihre Mitarbeiter oft aber auch). Die Zeiten sind jedoch vorbei, in denen man glaubte, sich durch Handy & Co. als wichtig definieren zu können. Souveräner wäre, sich für die Dauer des jeweiligen Gesprächs ganz auf den Gesprächspartner zu konzentrieren.

Vor diesem Hintergrund kann die skizzierte Studie von Przybylski und Weinstein für einen generell angemesseneren Umgang mit Handy & Co. sensibilisieren. Und das Ein- bzw. Wegstecken in Gesprächen signalisiert noch mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung.
Gerade Führungskräfte spielen dabei eine wichtige Rolle. Denn Führung bedeutet zum einen viel Kommunikation. Zum anderen kann die Führungskraft über ihre Vorbildfunktion leicht entsprechende Veränderungen auslösen.

Konkret können darüber hinaus folgende Empfehlungen selbst bei heiklen Themen zu einer guten Gesprächsbeziehung beitragen:
  • Zeigen Sie authentisch Interesse an Ihrer/Ihrem Gesprächspartner/in.
  • Senden Sie sowohl verbale (z.B. Bestätigungen) als auch nonverbale Zuhörsignale (Augenkontakt, Nicken, etc.).
  • Zusammenfassungen zeigen, dass bzw. was verstanden wurde. Fragende Wiederholungen oder das Ansprechen von Körpersignalen („Sie runzeln die Stirn…?“, „Sie wirken verärgert…?“, etc.) ermuntern zu weiteren Informationen. 
  • Offene Fragen bieten ebenfalls Raum für weitere Informationen bzw. für eine Öffnung des Gesprächspartners.
Viel Erfolg bei der Umsetzung!


Literatur bzw. Links (Abruf 15.04.2013):
Przybylski, A. K., Weinstein, N. (2012): Can you connect with me now? How the presence of mobile communication technology influences face-to-face conversation quality, Journal of Social and Personal Relationships, pp. 1-10 [Online-Veröffentlichung Abstract bzw. PDF-Artikel]  

DDI Deutschland (o. Datum): Pressemitteilung “Was macht eine gute Führungskraft aus?“ zur Studie „Lessons for Leaders From the People Who Matter“

StepStone (21.03.2013): Pressemitteilung „Lob im Job? Fehlanzeige!“ zur Umfrage zur Thematik Anerkennung durch Vorgesetzte

Berufsverband Die Führungskräfte (20.03.2013): Pressemitteilung „Führungskräfte in Deutschland sind immer auf Empfang“ zur Studie zur Beanspruchung durch die Nutzung digitaler Kommunikationsmittel

Bös, N. (15.03.2013): „Eine Stunde ohne Telefon und E-Mail wirkt Wunder” – Interview mit Psychologieprofessor C. König in FAZ.net

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