Freitag, 4. Dezember 2015

Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Studien und Impulse

Unternehmen bemühen sich zunehmend um die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Eine aktuelle Studie untersuchte gezielt die Situation in Baden-Württemberg, eine weitere generell die Rückkehr in das Berufsleben nach einer familienbedingten Unterbrechung. Es zeigt sich, dass die Bemühungen sowohl von Seiten der Politik als auch von Unternehmen weiter ausbaubar sind – insbesondere in Zeiten des zunehmenden Mangels an qualifizierten und engagierten Fach- und Führungskräften.

Studie „Familienbild im Wandel – Lebensentwürfe zwischen Wunsch und Wirklichkeit“

Familienbild im Wandel - StudieDie Studie Familienbild im Wandel – Lebensentwürfe zwischen Wunsch und Wirklichkeit aus 2015 wurde vom Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg, Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung, herausgegeben.

Baden-Württemberg unterscheidet sich von anderen Bundesländern unter anderem durch eine überdurchschnittlich hohe Teilzeitquote, gleichzeitig aber auch durch relativ wenige Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Bundesweite Befragungen berücksichtigen länderspezifische Gegebenheiten nicht ausreichend. Daher war interessant, eine eigene repräsentative Studie durchzuführen, die die Lebensrealität im Südwesten untersucht. Neben dem Wandel des Familienbildes in Baden-Württemberg sollten die bestehenden familienpolitischen Angebote sowie mögliche Verbesserungsansätze untersucht werden.

Zu den zentrale Ergebnissen zählen: Traditionell besetzte Themen wie Ehe und Familie besitzen in Baden-Württemberg einen hohen Wert. Neuen Familien- bzw. Lebensmodellen, wie beispielsweise gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit Kindern, steht man grundsätzlich offen gegenüber.
Traditionelle (geschlechtsspezifische) Leitbilder strahlen stark aus. Mütter tragen die Hauptverantwortung für Kinder und Familie. Gleichzeitig sollen sie für ihre finanzielle Unabhängigkeit und berufliche Weiterentwicklung sorgen. Die Väterrolle wird mit Erwerbstätigkeit und beruflichem Erfolg assoziiert. In Beziehungen wird zwar ein gleichberechtigtes, partnerschaftliches Modell angestrebt. Mit Eintritt der Elternschaft kehrt man allerdings wieder zu traditionellen Rollen im Alltag zurück.
Das Betreuungsangebot für Klein- und Schulkinder wird als nicht ausreichend eingeschätzt. Die Betreuungszeiten sind nicht flexibel genug, um Eltern in ihrer Erwerbstätigkeit entsprechend zu entlasten.
Das Angebot an Arbeitsmodellen ist grundsätzlich zufriedenstellend. Deutlich ausgeprägt ist jedoch der generelle Wunsch nach mehr Flexibilität. Zudem würden Väter gerne ihre Arbeitszeit reduzieren, befürchten jedoch Nachteile hinsichtlich Einkommen und Karriere.


Studie „Rückkehr ins Berufsleben nach familienbedingter Unterbrechung“

Rückkehr ins Berufsleben - StudieDie Studie Rückkehr ins Berufsleben nach familienbedingter Unterbrechung des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stammt ebenfalls aus 2015. Sie berichtet über das geförderte Programm „Perspektive Wiedereinstieg“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).
Ziel war insbesondere, die potenziellen Wiedereinsteigerinnen, den Wiedereinstiegsprozess sowie eventuelle durch das Förderprogramm bedingte Unterschiede zum typischen Arbeitsmarkt zu beschreiben.

Zentrales Ergebnis ist, dass Förderprogramme dazu beitragen, besser den Weg zurück in das Berufsleben zu finden. Trotzdem bleibt der Anteil von Frauen in Vollzeit oder vollzeitnaher Teilzeit weiter relativ gering. Gerade längere Arbeitszeiten könnten jedoch geschlechtsspezifische Ungleichheiten reduzieren, einer Altersarmut von Frauen entgegenwirken und zur Fachkräftesicherung beitragen.


Persönliches Fazit

Lässt man die politische Dimension des Themas außen vor, könnten Unternehmen durch mehr und flexiblere Arbeits(zeit)modelle stärker zur Arbeitszufriedenheit bzw. Mitarbeiterbindung beitragen. Tatsächlich beklagen gemäß einem aktuellen FAZ-Artikel fast zwei Drittel der in einer repräsentativen Studie befragten Eltern die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie bei ihrem aktuellen Arbeitgeber. Daher sollte generell der Wiedereinstieg nach Elternzeit erleichtert und dabei auch die Interessen von Vätern berücksichtigt werden.

Klar ist, dass sich die organisatorischen Gegebenheiten im Unternehmen zwischenzeitlich deutlich ändern können. Eventuellen Schwierigkeiten entgegenwirken können u.a. regelmäßiger Kontakt während der Abwesenheit, frühzeitige Abstimmungsgespräche hinsichtlich Möglichkeiten bzw. Anforderungen des Wiedereinstiegs oder zeitlich vorgeschaltete bzw. parallele individuelle Personalentwicklungsmaßnahmen.

Bei Führungskräften stellt der Wunsch nach Teilzeit meist ein großes Problem dar: Er kann auf Ablehnung stoßen bzw. einen Karriereknick bewirken. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Führungskräfte vor ihrer Elternzeit in der Regel überdurchschnittlich viel geleistet haben, relativiert sich die Thematik bereits ein wenig.
Zudem ist Führen in Teilzeit möglich. Der eventuell etwas höhere Abstimmungsaufwand zahlt sich durch höhere Arbeitgeberattraktivität bzw. geringere Fluktuation, Rekrutierungs- oder Einarbeitungskosten aus. Eine Fokussierung auf wirklich wichtige Führungsthemen und stärkere Delegation von Aufgaben bzw. Verantwortung ist hilfreich. Gegebenenfalls ist sogar ein Job-Sharing-Modell denkbar.

Neben diesen eher organisatorischen Themen ist als Voraussetzung wichtig, dass ein entsprechender Kultur- bzw. Einstellungswandel im Unternehmen stattfindet. 


Literatur (Abruf 04.12.2015)
Abrell, B. (2015): Führen in Teilzeit: Voraussetzungen, Herausforderungen und Praxisbeispiele, Wiesbaden: Springer Gabler

Friedrich-Ebert-Stiftung, Fritz-Erler-Forum Baden-Württemberg (Hrsg.) (2015): Familienbild im Wandel: Lebensentwürfe zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ergebnisse einer qualitativ-quantitativen Studie in Baden-Württemberg [Verf.: Zindler, A., Kiefer, K.], Stuttgart, online unter http://library.fes.de/pdf-files/bueros/stuttgart/11598.pdf

Hoff, A. (2015): Gestaltung betrieblicher Arbeitszeitsysteme – Ein Überblick für die Praxis, Reihe Essentials, Wiesbaden: Springer Gabler

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) (2015): Rückkehr ins Berufsleben nach familienbedingter Unterbrechung – Befunde der Evaluation der zweiten Förderperiode des ESF-Programms „Perspektive Wiedereinstieg“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend [Verf.: Diener, K., Götz, S., Schreyer, F., Stephan, G., Lenhart, J., Nisic, N., Stöhr, J.; IAB-Forschungsbericht 7/2015], Nürnberg, online unter http://doku.iab.de/forschungsbericht/2015/fb0715.pdf

o.V. (2015): Beruf und Familie gehen noch immer schwer zusammen, FAZ.NET vom 04.12.2015, online unter http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/neue-studie-beruf-und-familie-gehen-noch-immer-schwer-zusammen-13946646.html

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